Großes Holz, große Maschinen und jede Menge Späne – für uns ging es in die Schweiz zu Ändu Müller von Ändu Woodwork nach Utzenstorf.
Zweieinhalb Tage waren wir zu Besuch, haben gemeinsam gedrechselt, uns über Werkzeuge und Techniken ausgetauscht und einen tiefen Einblick in Ändus Arbeit bekommen. Vor allem das Arbeiten mit großen Holzobjekten und sein selbst entwickeltes Pitbull-System waren für uns spannend. Gleichzeitig konnten wir viele Eindrücke rund um Formgebung, Oberflächengestaltung und den Umgang mit großen Werkstücken sammeln.
XXL-Drechseln in Utzenstorf
Schon beim Betreten der Werkstatt wird schnell klar, dass hier in anderen Dimensionen gearbeitet wird. Große Maschinen, große Holzstücke und überall die Spuren vergangener Projekte. Besonders beeindruckend ist Ändus große Drechselbank.
Die Grundlage bildet eine alte Oerlikon, die Ändu komplett nach seinen Vorstellungen umgebaut hat. Das ursprüngliche Bankbett wurde verändert und neu aufgebaut, der Reitstock angepasst und die gesamte Maschine auf maximale Stabilität ausgelegt. Mit einem Spitzendurchmesser von rund 1,10 Metern ist sie genau für die Dimensionen ausgelegt, in denen Ändu arbeitet.
Auch der restliche Maschinenpark zeigt, wie viel Eigenbau, Tüftelei und Erfahrung in der Werkstatt steckt. Vieles ist nicht einfach gekauft, sondern für die eigenen Anforderungen angepasst oder komplett selbst entwickelt.
Eine Nussbaum-Astgabel wird zum Tischbein
Unser erstes gemeinsames Projekt war eine riesige Nussbaum-Astgabel, aus der ein Tischbein entstehen sollte. Bevor das Holz überhaupt auf die Drechselbank kam, wurde draußen mit der Kettensäge ordentlich Material entfernt. Wir haben das Stück auf die ungefähre Größe gebracht, die spätere Form grob angezeichnet und die Astgabel anschließend mit dem Stapler in die Werkstatt transportiert.
Auf der Oerlikon wurde das Holz sicher aufgespannt. Auch hier wurde zunächst noch einmal mit der Kettensäge Material herausgenommen, bevor wir uns an die eigentliche Drechselarbeit machten. Die Außenkontur entstand Schritt für Schritt. Gerade bei einem solchen Stück ist es spannend, wie stark sich die Holzstruktur auf die Arbeit auswirkt. Äste, unterschiedliche Faserrichtungen und teilweise bereits morsches Holz sorgen dafür, dass man ständig aufmerksam bleiben und seine Schnitttechnik anpassen muss.
Ändu arbeitet bei solchen Dimensionen mit einer großen und sehr stabilen Schruppröhre. Damit lässt sich auch bei einem solchen Brocken Holz kontrolliert Material abnehmen und die Form zügig herausarbeiten. So wurde aus der groben Astgabel langsam ein Tischbein.









Jetzt wird es innen interessant
Nachdem die Außenform fertiggestellt war, wurde das Werkstück auf der Planscheibe aufgespannt und wir konnten uns dem Inneren widmen.
Hier kam das Pitbull-System zum Einsatz.
Der Pitbull ist ein Werkzeug, das Ändu speziell für das Aushöhlen großer Objekte entwickelt hat. Besonders interessant ist dabei seine Entwicklung. Vor uns lagen vier Generationen des Werkzeugs – vom ersten, noch recht einfachen Aufbau bis zur heutigen professionellen Version. Die erste Variante bestand im Wesentlichen aus einem HSS-Stahl, aus dem der Haken geschliffen wurde, einem Spandickenbegrenzer und einer Haltestange. Über die Jahre wurde das Werkzeug immer weiter verändert und optimiert. Die Geometrie wurde angepasst, die Konstruktion stabiler und die einzelnen Komponenten immer präziser.
Die aktuelle Version verfügt über einen professionell gefertigten und präzise bearbeiteten Stahl sowie einen passenden Halter. Besonders entscheidend ist aber die Schneidengeometrie. Und genau diese konnten wir an unserem Werkstück ausgiebig testen.



Der Pitbull im Praxiseinsatz
Wir haben selbst ein vergleichbares System entwickelt, das ebenfalls auf diesem Grundprinzip basiert. Deshalb war es für uns besonders interessant, Ändus aktuelle Version einmal unter echten Bedingungen zu erleben.
Und der Unterschied war deutlich spürbar.
Der Pitbull erzeugt einen sehr kontrollierten Schnitt und einen hervorragenden Spanfluss. Auch bei unterschiedlichen Ansätzen bleibt das Werkzeug ruhig und lässt sich sehr gut führen. Gerade beim Aushöhlen großer Werkstücke ist das ein entscheidender Punkt. Unser Nussbaum war dabei alles andere als einfach. Wir hatten trockenes Holz, teilweise morsches Material und immer wieder wechselnde Faserrichtungen innerhalb der Astgabel. Trotz dieser Bedingungen konnten wir sehr kontrolliert Material aus dem Inneren nehmen. Dabei entstanden richtig große Späne, die nach und nach die gesamte Werkstatt füllten.Und natürlich gehört bei so einem Projekt auch der Geruch dazu. Der intensive Duft des Nussbaums lag während des gesamten Drechselns in der Werkstatt. Für uns war es ein sehr eindrucksvoller Praxistest. Besonders spannend war zu sehen, wie sicher und kontrolliert sich der Pitbull auch bei schwierigen Holzstrukturen einsetzen lässt.
Tag zwei: Das Tischbein wird fertig
Am zweiten Tag ging es zunächst wieder an das Nussbaum-Tischbein. Die letzten Bereiche der Form wurden herausgearbeitet und das Objekt fertig gedrechselt. Dabei wurde noch einmal deutlich, wie wichtig die Formgebung bei solchen Objekten ist. Die Äste und die natürliche Struktur des Nussbaums wurden nicht versteckt, sondern bewusst in die Gestaltung integriert. Am Ende stand ein beeindruckendes Tischbein vor uns, das seine Herkunft aus der Astgabel noch klar erkennen lässt.









Inspiration rund um Form und Oberfläche
Während unserer zweieinhalb Tage hatten wir außerdem die Möglichkeit, einen weiteren Drechsler aus der Region zu besuchen.
Sein Schwerpunkt liegt stark auf der Oberflächengestaltung. Mit Rillen, Längsriefen und unterschiedlichen Strukturen entstehen ganz eigene Oberflächen, die den Charakter der gedrechselten Formen noch einmal verändern. Auch Ändus Galerie war für uns sehr inspirierend. Dort konnten wir seine fertigen Arbeiten aus nächster Nähe betrachten und sehen, wie konsequent er Form und Oberfläche miteinander verbindet. Besonders beeindruckend fanden wir seine Arbeiten aus Mammutbaum. Durch Bürsten wird die Maserung stark herausgearbeitet, teilweise werden die Oberflächen anschließend geschwärzt. Dadurch entstehen sehr markante Strukturen, bei denen das Auge immer wieder neue Details entdeckt.
Am zweiten Abend: Zirbe
Nachdem das Tischbein fertig war, ging es am zweiten Tag am Abend noch einmal an die Drechselbank. Aufgespannt wurde ein Stück Zirbe, etwa 60 Zentimeter hoch und rund 40 Zentimeter im Durchmesser. Bei der Außenform wurde besonders darauf geachtet, die vorhandenen Äste bewusst sichtbar zu lassen und gleichzeitig Ausbrüche zu vermeiden. Die Form wurde so entwickelt, dass die natürlichen Merkmale des Holzes später genau an den richtigen Stellen ins Auge fallen. Anschließend wurde wieder mit dem Pitbull von innen ausgehöhlt.
Auch dieses Holz war nicht ganz einfach: sehr harzreich und mit zahlreichen Ästen. Trotzdem ließ sich das Werkstück sehr schön bearbeiten und wir konnten wieder richtig große Späne erzeugen. Und diesmal war nicht nur die Optik etwas Besonderes. Der typische, intensive Zirbenduft verbreitete sich in kürzester Zeit in der gesamten Werkstatt. Zum Abschluss wurde im oberen Bereich noch einmal mit der Schalenröhre gearbeitet. Ein letzter sauberer Schnitt brachte die Innenfläche in Form.






Zweieinhalb Tage, die bleiben
Dann war unsere Zeit in Utzenstorf leider schon vorbei. Zweieinhalb Tage voller Drechseln, Späne, Gespräche und neuer Eindrücke gingen zu Ende. Wir haben gemeinsam große Werkstücke bearbeitet, verschiedene Techniken ausprobiert und dabei immer wieder neue Blickwinkel auf das Drechseln bekommen.
Besonders wertvoll war für uns der Austausch rund um Formgestaltung, Werkzeugführung und das Arbeiten mit großen Dimensionen. Auch wenn wir selbst bereits viel Erfahrung im Drechseln haben, gibt es bei solchen Treffen immer wieder Details und Herangehensweisen, die man gerne mit in die eigene Werkstatt nimmt.
Und genau das macht solche Besuche für uns so spannend. Nicht nur das fertige Objekt bleibt in Erinnerung, sondern der gesamte Weg dorthin: das Holz, die Form, die Werkzeuge, die Späne – und natürlich der Moment, wenn aus einem großen Stück Holz langsam etwas Neues entsteht.
Vielen Dank für den herzlichen Empfang, den offenen Austausch und die vielen gemeinsamen Stunden an der Drechselbank.
Wir nehmen jede Menge Inspiration und viele neue Ideen mit zurück nach Hause.
